Umkehrbare Transaktionen auf Ethereum?
Forscherinnen und Forscher der Stanford University haben ein Konzept für umkehrbare Transaktionen auf der Ethereum-Blockchain vorgestellt.
Forscherinnen und Forscher der Stanford University haben ein Konzept für umkehrbare Transaktionen auf der Ethereum-Blockchain vorgestellt. Ist die Finalität der Blockchain gefährdet?
Eines der stärksten Merkmale der Blockchain ist ihre Unveränderlichkeit. Wenn Transaktionen einmal durchgeführt und validiert sind, gibt es kein Zurück mehr. Für Opfer von Hacks und Ähnlichem war das jedoch oft ein Fluch statt eines Segens.
Sobald Private Keys, Wallets oder Smart Contracts kompromittiert waren, konnten Angreifer oft Krypto-Assets abzapfen, ohne Folgen. Gibt es da überhaupt eine gute Lösung? Keine Chance.
In diesem Jahr wurden allein über Brückenhacks zwei Milliarden Dollar gestohlen. Im Gegensatz zu einer Bank können die Mittel in der Blockchain-Welt nicht zurückgefordert werden. Dieses Verlust-Risiko war bislang der Preis der Unveränderlichkeit. Aber das könnte sich jetzt ändern.
Forscherinnen und Forscher der Stanford University haben ein Paper veröffentlicht mit den ersten Konzepten von umkehrbaren Transaktionen auf Ethereum.
Der neue Ethereum-Token-Standard
Die neuen Coinstandards ERC20-R und ERC 721-R könnten die Lösung sein. Sie bilden eine Erweiterung der am häufigsten genutzten Standards auf Ethereum (ERC20 und ERC 721).
Die Coin-Standard stellt faktisch einen Smart Contract auf Ethereum mit den Regeln für die Behandlung der Coin bereit. Zum Beispiel für die Funktionen im Zusammenhang mit einer DeFi-Anwendung
Die neue Norm enthält dann im Prinzip eine Funktion zum Rückgängigmachen einer Transaktion. Laut den Forschern wird ein "dezentralisiertes Rechtssystem" über die Umkehr entscheiden. Wenn ein Nutzer Opfer eines Hacks wird, bei dem er seine Coins verliert, kann er beantragen, sie zu einfrieren und zurückzugeben. Der Antragsteller muss dann die erforderlichen Beweise der Straftat vorlegen, wobei der vermeintliche Angreifer ebenfalls Beweise vorlegen kann. Ein dezentralisiertes Gerichtsverfahren. Wenn das Krypto-Gremium überzeugt ist, gehen die Coins zurück an den rechtmäßigen Eigentümer.
Das Konzept sieht eine Zukunft vor, in der Hacks im Wert von Millionen der Vergangenheit angehören. Denn neben der Gefahr erwischt zu werden, müssten Hacker künftig bedenken, dass sie das gestohlene Geld wieder verlieren, indem sie eine Transaktion zurückdrehen.
Trotz der erkennbaren Vorteile bei der Schadensbegrenzung durch Hacks und Ähnliches hat der Vorschlag viel Kritik erhalten.
Ethereum und Co.: Wie steht es um die Finalität?
Weil das Konzept noch viele Fragen offenlässt. Eine der Forscherinnen gesteht in ihrem Blog ein, dass nicht klar ist, wer die Richter in diesem dezentralen Rechtssystem sein würden. Ihre eigenen Anreize und das eigentliche Auswahlverfahren sind ebenfalls noch unklar. Das bietet neue Angriffsflächen. Wenn die sogenannten "dezentralisierten Richter" ihre Kräfte bündeln würden, könnten sie Transaktionen willkürlich rückgängig machen. Eine staatliche Intervention ist dabei keineswegs ausgeschlossen.
Insbesondere die DeFi-Szene steht dem Vorschlag für umkehrbare Transaktionen kritisch gegenüber. Der Gründer des sanktionierten Kryptomixers Tornado Cash, Roman Semenov, weist auf die Grenzen der Idee hin. Es bleibt auch die Frage, ob die zahlreichen DeFi-Protokolle die neue Norm überhaupt akzeptieren werden. Da keine Transaktion endgültig ist, werden sowohl Nutzer als auch DeFi-Plattformen wahrscheinlich vor umkehrbaren Transaktionen zurückschrecken.
Das Konzept der Umkehrbarkeit ist vielleicht nobel. Aber die Lücken sind in dieser Hinsicht eindeutig. In ihrer Arbeit sind sich die Forscher jedoch einig: "Umkehrbarkeit ist viral". Das bedeutet, dass sobald ein oder zwei wichtige Akteure der Krypto-Szene den Standard übernehmen, die anderen folgen werden.
Schließlich gibt es ideologische Einwände. Ethereum-Entwickler und DeFi-Projektgründer „Foobar“ verteidigt in seinem Blog die Finalität der Blockchain. Er sieht es als eine nahezu physische Gegebenheit, mit festen Regeln und einer konsistenten Umgebung. DeFi und NFTs wären laut ihm mit umkehrbaren Transaktionen praktisch nutzlos.
Nach Ansicht des Entwicklers undergräbt die Veränderlichkeit der Blockchain das Vertrauen darin und verlangsamt die Bewegung darauf. „Geld muss sich mit der Geschwindigkeit des Internets bewegen, nicht mit der Geschwindigkeit des Postwesens“ erklärt er.
Der Zweck der Blockchain war immer, Nutzern wieder Verantwortung über ihre digitalen Vermögenswerte zu geben. Und Verantwortung bedeutet auch Risiko. Es bleibt abzuwarten, ob die Branche sich erneut ein wenig gegen diese Verantwortung schützen will.