Kritik an Ledger: Ist die Kritik berechtigt?
Es gibt einen Medien-Shitstorm rund um den Hardware-Wallet-Hersteller Ledger.

Es gibt einen Medien-Shitstorm rund um den Hardware-Wallet-Hersteller Ledger. Auf Twitter wird von Verrat und Boykott gesprochen. Ist die Kritik übertrieben?
Der Hardware-Wallet-Hersteller Ledger hat einen schweren Fehler begangen. So lautet zumindest der View post on X zur gerade eingeführten Funktion "Ledger Recover".
In einer kurzen Zusammenfassung geht es darum, dass Ledger-Kundinnen und -Kunden optional eine Sicherung ihrer Seed-Phrase bestellen können. Die Seed-Phrase wird in drei Teile geteilt und einzelnen Dienstleistern zur Verwahrung gegeben. Im Fall eines Verlusts können diese dann über klassische KYC-Verfahren, d. h. Identitätsnachweisen mit Video-Ident-Verfahren, wiederhergestellt werden.
Ledger und der Verrat
Schon die Möglichkeit, dass Ledger diesen Dienst als Option anbietet, ist für viele traditionelle Krypto-Enthusiasten eine Schande. Schließlich hat die Selbstverwahrung privater Schlüssel höchste Priorität. Die Verwahrung durch Dritte widerspricht dem Imperativ von Autonomie und Dezentralisierung. Dass Ledger, das mit seinen Hardware Wallets gerade diese Form der Selbstverwahrung für die Masse zugänglich gemacht hat, nun eine Drittanbieter-Option anbietet, wird in den sozialen Medien als Verrat gesehen und ruft zum Boykott auf.
Mehr Emotion als faktenbasierte Argumente
Es ist völlig legitim, den Schritt von Ledger zu hinterfragen und zu kritisieren. Ist die neue Oberfläche, die durch das Unternehmensupdate eingeführt wird, wirklich sicher oder eröffnet sie eine gefährliche Angriffsfläche? Genau solche Fragen kommen jetzt auf den Tisch.
Aufrufe zum Boykott und Beleidigungen gehören jedoch nicht dazu. Die emotionalen Reaktionen erklären sich nur daraus, dass einige Crypto-Enthusiasten das Gefühl haben, ihre Ideologie werde angegriffen. Niemand wird gezwungen, Ledgers neuen Dienst zu nutzen, und deshalb können die Reaktionen als übertrieben angesehen werden.
Ledger ist keine religiöse Gemeinschaft
Wütende Ledger-Kritiker übersehen, dass Ledger nur auf eine Marktnachfrage reagiert. Ein Unternehmen handelt nicht ausschließlich aus idealistischen Motiven. Unternehmen, die das tun, haben eine sehr kurze Lebensdauer.
Stattdessen versucht Ledger, wie jedes andere erfolgreiche Unternehmen, so gut wie möglich auf eine Marktnachfrage zu reagieren. Wenn interne Untersuchungen und Marktforschung zeigen, dass viele Krypto-Nutzer sich nicht zutrauen, sichere Verwahrung zu betreiben, ist der Schritt zu Ledger Recover nicht mehr als logisch.
Ledger hat im März dieses Jahres tatsächlich erst 100 Millionen Dollar Finanzierung erhalten, hauptsächlich um neue Kunden zu gewinnen. Vor allem, weil es im Interesse der gesamten Krypto-Branche liegen sollte, dass die Bitcoin-Adoption weiter zunimmt. Um das zu erreichen, braucht es neue Produkte, gegebenenfalls mit weniger Selbstverwahrung.
Selbstverwahrung: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Der Grund dafür ist recht einfach: Nicht jeder will die volle Verantwortung für die Verwahrung seines Vermögens tragen. Deshalb lagert nicht jeder seine Goldbarren zu Hause, einige bevorzugen es, sie in Tresoren bei der Bank zu verwahren. Natürlich bringt das neue Risiken mit sich – die Bank könnte zum Beispiel den Zugang verweigern – aber es gibt auch Risiken bei der Selbstverwahrung.
Denn auf der anderen Seite neigen viele Menschen dazu, sich selbst zu überschätzen. Manche erzählen stolz ihren Freunden, dass sie ihre Private Keys komplett selbst verwahren. In Wirklichkeit lagern sie ihre Private Keys oft in Word- oder Google-Docs auf dem Familiencomputer, idealerweise in der Cloud. Viele überzeugte Selbstverwahrer speichern ihre Private Keys oder Seed Phrases so sicher ab, dass sie sie selbst nicht mehr finden können. Über die Anzahl nicht gemeldeter Fälle verlorener Bitcoins durch unsachgemäße Selbstverwahrung kann man nur spekulieren, aber sie wird sicher hoch sein.
Wer sich dazu in der Lage sieht und bereit ist, Verantwortung für seine digitalen Besitztümer zu übernehmen, kann die neue Ledger-Dienstleistung ruhig links liegen lassen. Die wütenden Ledger-Kritiker haben größtenteils recht: Selbstverwahrung ist die sicherste Form der Verwahrung. Vorausgesetzt, man macht es richtig.