Wie groß ist die Macht der Crypto-CEOs eigentlich?
Die Crypto-CEOs von Cardano, Binance und Ripple nutzen ihr Wissen über dezentrale Blockchains, um sich in den Medien zu äußern.

Die Crypto-CEOs von Cardano, Binance und Ripple nutzen ihr Wissen über dezentrale Blockchains, um sich in den Medien zu äußern. Wie groß ist ihre Macht eigentlich?
Laut dem Cambridge Dictionary bekleidet ein Chief Executive Officer (CEO) die "wichtigste Position in einem Unternehmen". Das liegt daran, dass er oder sie primär für die Führung des Unternehmens verantwortlich ist und Berichte von allen anderen Bereichen erhält.
Charakteristisch für eine Blockchain klingt das weder nach Dezentralisierung noch nach besonders demokratischer Struktur. Beide Merkmale werden jedoch von fast jedem Projekt in der Kryptobranche beansprucht. Also, welchen Einfluss haben CEOs auf die Crypto-Unternehmen?
Es sind nicht die Blockchains selbst, die die CEOs haben
In den meisten Fällen gibt es hinter einem Kryptoprojekt mehr als eine treibende Kraft. Je nach Organisation gibt es im Hintergrund eine oder mehrere Einrichtungen, oft bekannt als "Stiftungen" oder "Laboratorien" – siehe zum Beispiel die IOTA Foundation hinter dem gleichnamigen Token.
Einerseits versuchen sie, mehr Entwickler und Projekte für die Blockchains zu gewinnen. Andererseits beeinflussen sie politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse und informieren Stakeholder über die Projekte. Jede dieser Einrichtungen hat ihren eigenen Leiter an der Spitze.
Im Fall von Cardano bestehen die Hintergrundorganisationen aus EMURGO, der Cardano Foundation und Input Output Hong Kong (IOHK). Der CEO von EMURGO ist Ken Kodama, die Cardano Foundation wird von Frederik Gregaard geleitet und Charles Hoskinson ist CEO von IOHK.
Jeder CEO, egal ob von Cardano oder anderen Protokollen, wird von Zeit zu Zeit gebeten, Erklärungen und Einschätzungen in den Medien abzugeben. Zu Recht, denn per Definition tragen diese CEOs doch auch in großem Maße die Verantwortung für Kurs und Prioritäten der Unternehmen, oder?
Sind CEOs verantwortlich für Blockchains?
Die Unternehmen stehen unter der Führung der CEOs und sie spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der dezentralen Plattformen. Aber sie haben kein Entscheidungskompetenz über die Protokolle selbst, sofern diese so programmiert sind. Durch ihre Konsensmechanismen und Tokens versuchen die meisten Blockchain-Protokolle, ihren Nutzern Mitbestimmung zu geben und so die Macht im Netzwerk zu verteilen.
Derzeit setzen die meisten Blockchains auf ein Proof-of-Stake-Konsensmodell. Das stärkt die Dezentralisierung insofern, als Entwickler sicherstellen, dass jeder am Netzwerk teilnehmen kann. Durch das Staking erhält der Eigentümer das Recht, an Abstimmungen über die Entwicklung des Netzwerks teilzunehmen.
Die Regel lautet: ein Token, eine Stimme. Gleichzeitig erhält man für die insgesamt gesammelten Tokens eine Belohnung in Höhe eines vorher festgelegten Prozentsatzes. Das ist die Kehrseite von Proof of Stake für Dezentralisierung. Da die Prozentsätze bedeuten, dass Staker entsprechend ihrem Anteil bezahlt werden und damit bestehende Machtstrukturen fortbestehen. Einfacher gesagt: Wer viel Token einsetzt, erhält mehr Tokens als jemand, der weniger besitzt. Da beide anteilig dieselbe Menge Tokens erhalten, ändert sich nichts an den Mitbestimmungsrechten.
Wenn wir die größten Proof-of-Stake-Blockchains nach Marktkapitalisierung in Bezug auf ihre Token-Verteilung betrachten, sticht XRP mit einem besonders hohen Anteil heraus. Mit mehr als 80 Prozent der XRP in Händen der Top-50-Inhaber ist die Governance-Macht auf nur wenige Adressen verteilt.
Die Situation bei Cardano ist anders. Hier besitzen die Top-50-Inhaber zusammen etwa zehn Prozent aller verfügbaren ADA-Coins. Cardano hat damit in dieser Kategorie den eindeutig geringsten Anteil.
Warum haben CEOs Einfluss?
Ein Grund für die hohe Zentralisierung ist, dass die CEOs oft Gründer oder Entwickler der jeweiligen Projekte sind. Weil oft nur wenige Personen am Aufbau von Blockchains beteiligt sind, verfügen sie anfänglich über die Mehrheit aller vorhandenen Tokens.
Bei Cardano wurde das Protokoll von Charles Hoskinson und Jeremy Wood entwickelt. Nachdem programmiert wurde, holten die beiden mehr Entwickler für ihre Idee ins Boot. Sie unterstützen das Netzwerk als Validatoren und halten ADA-Coins entsprechend ihres Einsatzes. Mit der Zeit folgten weitere Nutzer, die weder staken noch validieren und trotzdem Coins besaßen.
Bei den Binance-Coins ist die Situation anders. Das Netzwerk ist hier noch stark zentralisiert. Die Top-50-Besitzer von Binance Coin halten mehr als 95 Prozent der verfügbaren Coins. Ein Großteil dieser Top-50 sitzt in der Binance-Börse selbst – dazu später mehr.
Da die Börse über Binance-Fonds einen Großteil des Stakings in Händen hat, kann sie Entscheidungen in ihrem eigenen Interesse stark beeinflussen. Dieses Zugriffsrecht macht Binance-CEO Changpeng "CZ" Zhao zu einem der machtvollsten Crypto-CEOs weltweit. Dennoch sind Regulierer weltweit unsicher, ob das rechtlich korrekt geschieht. Zhao, der dieses Jahr von Bloomberg zu den zehn reichsten Menschen der Welt gezählt wurde, wurde in der Vergangenheit schon wegen Steuerhinterziehung beschuldigt.
Anteile können delegiert werden
Den Top-Addresses muss jedoch mit der nötigen Vorsicht begegnet werden. Denn oft zeigen die reichsten Addresses die größten Krypto-Börsen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie die eigentlichen Eigentümer sind, sondern nur die "Verwalter" der Coins für ihre Nutzer.
Das erweckt den Eindruck, dass es nur eine Adresse gibt, obwohl sie aus vielen separaten Adressen besteht. Gleichzeitig können die Zahlen auch in die andere Richtung täuschen. Zum Beispiel bei Cardano, wo verschiedene Wallet-Adressen demselben Besitzer gehören. Die Top-100-Konten halten ungefähr ein Sechstel der insgesamt verfügbaren Coins.
Außerdem merkt man schon bei der praktischen Prüfung: Oft können viele Adressen am Sampling teilnehmen, tun es aber nicht zwangsläufig. Wenn man Dezentralisierung und Macht betrachtet, sollte man daher vor allem die Validatoren und die Anzahl der Adressen genau beobachten.
Das Ergebnis ist schockierend für Uninformierte: Im Fall von Binance bedeutet das beispielsweise, dass nur 21 Nodes an Binance-Token-Entscheidungen teilnehmen. Zhao, der Einzahlungen von Binance-Guthaben immer als Stakingsmasse nutzen kann, hat so einen sehr großen Einfluss auf die Entwicklung des Protokolls.
Die Situation wirkt etwas dezentralisierter, bleibt aber bei XRP mit seinen 150 Validator-Knoten weiterhin stark zentralisiert. Die einzige "Proof of Stake"-Blockchain, die die Macht über Validierung und Governance im Netzwerk verteilt, ist Ethereum mit mehr als 220.000 Nodes.
Trotz dieser Verhältnisse ist es wichtig zu bedenken, dass viele Protokolle noch in den Kinderschuhen stecken. Dezentralisierung kann mit größerer Beteiligung wachsen. Daher sollte man die Validatoren und die Anzahl der Adressen im Auge behalten.
Macht hängt von anderen ab
Der Einfluss von CEOs auf ein dezentral organisiertes Netzwerk hängt vor allem davon ab, wie viel Token-Anteile er oder sie besitzt, ob der CEO bestrebt ist, anteilig mehr zu bekommen, und inwieweit die Token-Menge anderer Nutzer wächst.
Seit Dezember 2020 hat Cardano beispielsweise mehr als 3.900 Adressen hinzugefügt, die mehr als 10.000 USD und weniger als eine Million USD in ADA halten. Das erhöht ihren Einfluss, sofern sie ihre Governance-Rechte nutzen.
Wenn Hoskinson keine neuen Coins kauft, ist sein Einfluss auf die Abstimmung schon durch diese neu hinzugefügten "kleinen Walväsen" vermindert.
Im Grunde ist Dezentralisierung kein Geschenk. Die Macht einzelner CEOs – egal ob Charles Hoskinson bei Cardano oder Changpeng Zhao bei Binance – wird durch die Grundpfeiler der Protokolle und die aktive Teilnahme der Teilnehmer innerhalb derselben bestimmt. Wenn Dezentralisierung für eine Investition wichtig ist, sollte man die Netzwerke auf Machtverhältnisse prüfen, bevor man investiert.