Ist das das Ende von FTX?
Nach einem Spektakel hat Binance angekündigt, FTX zu übernehmen.

Nach einem Spektakel hat Binance angekündigt, FTX zu übernehmen. Aber wie kam es dazu?
Wenn die größte Börse in der Kryptobranche die drittgrößte übernehmen will, steht fest: Hier wird Geschichte geschrieben. Binance, oder besser gesagt sein CEO Changpeng "CZ" Zhao, unterzeichnet eine Vereinbarung, um seinen größten Konkurrenten zu übernehmen – eine noch nie dagewesene Entwicklung auch im Kryptosektor.
Mehr als nur Schwesterunternehmen
Das Nachrichtenportal Coindesk durchsucht interne Unterlagen von Alameda Research, einem Schwesterunternehmen, gegründet von FTX-CEO Sam Bankman-Fried (SBF), aus denen hervorgeht, dass Alameda enger mit FTX verbunden ist als gedacht. Insbesondere der hohe Anteil der FTT-Token sorgt für Besorgnis. FTT ist schließlich der eigene Token der FTX-Plattform, dessen Kurs mit der Gesundheit des Unternehmens schwankt.
Neben dem risikoreichen Zusammenhang der beiden von SBF geleiteten Unternehmen kommt ein weiterer Punkt ins Licht: Alameda Research ist wirklich groß. Ganz groß. Das Unternehmen hatte am 30. Juni dieses Jahres Vermögenswerte in Höhe von stolzen 14,6 Milliarden US-Dollar, so Coindesk. FTT macht mindestens 2,16 Milliarden USD aus – ein extrem hoher Anteil der Gesamtbilanz, wie später deutlich wird. Denn: Wenn der FTT-Token abstürzt, kann auch die finanzielle Gesundheit von FTX als Schwesterunternehmen gefährdet sein.
Binance setzt seine Konkurrenten unter Druck
Die Geschichte nahm erst so richtig Fahrt auf am 6. November. Am vergangenen Sonntag hatte CZ via Twitter angekündigt, dass das Unternehmen die FTT-Reserven auf der Binance-Bilanz verkaufen wolle. Angesichts des LUNA-Crashs im Sommer dieses Jahres war das Risiko, weiterhin eine illiquide Münze zu halten, für ihn einfach zu groß.
Das Liquidieren unserer FTT dient dazu, ein großes Risiko zu vermeiden. Wir haben aus LUNA gelernt. Wir haben bisher Unterstützung geleistet, aber wir werden nicht so tun, als würden wir Unternehmen nach der jüngsten Trennung lieben. Wir stehen zu niemandem, aber wir werden auch keine Unterstützungen geben, die hinter seinem Rücken andere Spieler in der Branche behindern.
CZ via Twitter.
Obwohl Alameda-CEO Caroline Ellison am selben Tag tweetete, dass ihr Unternehmen alle von Binance auf dem Markt gehandelten FTTs zu einem Höchstpreis von 22 USD pro Coin kaufen würde. Dennoch konnte Binance den Kursverfall nicht mehr verhindern – auch weil Binance lieber von der freien Marktlage ausgeht und den Deal ablehnte. Derzeit wird FTT bei 4,11 USD gehandelt, was einen täglichen Verlust von 77 Prozent bedeutet. Es bleibt zu fragen, wie groß die Chancen bei anderen Akteuren der Branche sind, sagt Gracy Chen, Geschäftsführerin bei Bitget:
"Die große Sorge, die dieses Ereignis auslöst, betrifft nicht nur den Konflikt selbst, sondern auch, wie Vermögenswerte der Nutzer von Börsen und anderen Finanzinstituten verwaltet werden. Das ist ein bekanntes Risiko für viele Investoren und Nutzer und hat Panik auf dem Markt ausgelöst."
Gracy Chen.
Liquiditätsprobleme bei FTX
Die Beunruhigung um Verpflichtungen von FTX sorgt dafür, dass sich Investoren am 7. und 8. November Sorgen machen. Eine Massenflucht aus FTX beginnt. Kunden retten, was zu retten ist – und treiben die Börse an den Rand des Konkurs.
Es wird niemanden überraschen, dass die Nachrichten über den Abzug von Kundengeldern kurze Zeit später eintrafen. Seitdem können Ether (ETH), Solana (SOL) und Tron (TRX) nicht mehr aus der Plattform abgehoben werden. Wie Reuters unter Verweis auf interne Unterlagen berichtet, hatten Anleger in nur 72 Stunden rund sechs Milliarden Dollar von ihren FTX-Konten abgehoben.
Retter in der Not
Und dann der Hammer: Binance-CEO Zhao tweetete sein Vorhaben, am Mittag des 8. November die Kontrolle zu übernehmen. Binance hatte eine sogenannte „non-binding LOI“ unterzeichnet, die eine vollständige Übernahme des Konkurrenten FTX in Gang setzte.
FTX-CEO SBF hatte sich zuvor geäußert und von einer „Vereinbarung mit Binance über eine strategische Transaktion“ gesprochen, wobei unklar blieb, ob damit die vollständige Übernahme gemeint war. Die Tweets wurden im weiteren Verlauf immer bizarrer, in denen SBF seinem wahrscheinlich größten Konkurrenten für seine Arbeit am Krypto-Ökosystem dankte.
"Herzlichen Dank an CZ, Binance und alle unsere Unterstützer. CZ hat unglaublich gute Arbeit geleistet und wird das weiterhin tun, um das weltweite Krypto-Ökosystem weiter auszubauen."
Ein paar Tage zuvor klangen die Fronten weniger versöhnlich: "Ein Konkurrent streut falsche Gerüchte", tippte SBF einen Tag zuvor. Es bleibt unklar, wann der Deal stattfinden wird. Eine Vereinbarung ist schließlich weit entfernt von einer Übernahme-Verpflichtung. Binance behält sich das Recht vor, die Bücher von FTX zu prüfen. Wenn das Unternehmen sich zurückzieht, drohen keine juristischen Folgen. Die Kryptobranche wird derweil vorerst die Luft anhalten.