Aufstieg und Untergang des Mining-Bollwerks Kasachstans
Nachdem chinesische Krypto-Miner das Land vertrieben hatten, ließen sich viele von ihnen im Nachbarland Kasachstan nieder.

Nachdem China-Kryptominer das Land vertrieben hatten, ließen sich viele von ihnen im Nachbarland Kasachstan nieder. Heutzutage ist nur noch ein Bruchteil der einst florierenden Mining-Industrie in Kasachstan übrig geblieben. Was ist passiert?
Wenn die Bitcoin-Mining-Anlage von Enegix mit voller Kapazität läuft, verbraucht sie 150 Megawatt – das Fünffache der Kapazität der benachbarten Stadt Ekibastus in Spitzenzeiten. Das Stichwort lautet “wann”, denn die Fabrik im Nordosten Kasachstans arbeitet seit Monaten nicht mehr mit voller Leistung. Die Goldgräberstimmung, die Chinas Nachbarland einst erlebte, als die Volksrepublik der Kryptobranche den Krieg erklärte – auch gegen digitale Miner von Kryptowährungen – ist verflogen.
Doch während ein Großteil der damaligen Neuankömmlinge inzwischen weitergezogen ist, kämpft ein kleinerer Anteil weiter um sein Existenzrecht. Ihre Hoffnungen sind dreigeteilt: Strom muss billiger werden, Gesetze freundlicher, und der Kryptomarkt muss aus seinem Winterschlaf erwachen. Aber gelingt das? Und wie?
Kasachstan als Bitcoin-Mining-Bollwerk
Bereits im Jahr 2017 schlugen die ersten Bitcoin-Mining-Unternehmen ihr Lager in Kasachstan auf, weil das Land auf dem Papier ideale Voraussetzungen bot: Unerschöpfliche Kohlevorräte und eine Industrie, die seit dem Zerfall der Sowjetunion deutlich weniger Energie benötigt als früher, sorgten für extrem billigen Strom. Zugleich boten das kalte Klima und verlassene Lagerhäuser ASICs ideale Standorte. Als die Regierung in der kasachischen Hauptstadt Astana daraufhin das Astana Hub-Labor gründete – eine Inkubatorplattform für Startups mit Steuervergünstigungen für Tech-Unternehmen – wurde das Land rasch zu einem Ziel für Miner.
Spätestens im November 2021 hatte Kasachstan sich auf Platz zwei der weltweiten Hashrate-Rangliste hochgearbeitet, nachdem China im Sommer desselben Jahres eine Auswanderung von Minern digitaler Assets auslöste und ein landesweites Verbot von Mining verhängte. BIT Mining zog im Juni 2021 von China nach Kasachstan, und Canaan kündigte im selben Monat einen ähnlichen Umzug an. Und es wurde schnell deutlich, dass selbst in Kasachstan die scheinbar unerschöpfliche Stromquelle schließlich zur Neige gehen würde.
Bitcoin-Mining-Unternehmen: Eine parasitäre Industrie?
Im selben Jahr stieg der Energieverbrauch der unzähligen Mining-Fabriken auf sieben Prozent des gesamten Landesverbrauchs – der Überschuss verwandelte sich in ein Unterangebot, Stromausfälle wurden häufiger, die Stimmung im Land kehrte sich. Die kasachische Regierung reagierte: Schon im September 2021 verringerte das staatliche KEGOC die Stromzufuhr zu Mining-Farmen, was dazu führte, dass Mining-Hosts wie BitFuFu und Xive umzogen – in die USA. Anschließend trat im Januar des Folgejahres ein neues Steuergesetz in Kraft, teilweise als Reaktion auf die Unruhen, die in Kasachstan ausbrachen, von denen einige von russischen Truppen niedergeschlagen wurden und 225 Menschenleben kosteten.
Die höheren Steuern schmälerte die Gewinne der verbliebenen Mining-Firmen weiter und führte dazu, dass mehr Unternehmen abzogen. Als der Bitcoin-Kurs einbrach, schien das Schicksal einer einst florierenden Industrie besiegelt. Für Pete Howson, einen Mining-Experten der Northumbria University, ist dies ein natürlicher Prozess innerhalb der Branche. Er erzählte MIT Technology Review: „Mining-Unternehmen ziehen dorthin, wo es einen willigen Gastgeber gibt, bis sie alles haben, was sie brauchen, und dann ziehen sie weiter ... es ist eine parasitäre Industrie.“
Doch bis heute ist ein Rest der einst florierenden Mining-Industrie in Kasachstan übrig geblieben. Vor allem getrieben von der Hoffnung, dass sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden wird.
Hoffnungen auf den Bullenmarkt
Eines der größten Probleme der Mining-Industrie in Kasachstan, das schon vor den bereits genannten Schwierigkeiten bestand, wird bereits angegangen: Im September letzten Jahres versprach der kasachische Präsident Qassym Shomart Toqayev, dass Kryptowährungen bald eine „vollständige gesetzliche Anerkennung“ erhalten würden. Bislang ist es in Kasachstan nicht möglich, Bitcoin und Co. in Fiatgeld umzutauschen. Inländische Unternehmen fungieren daher oft als Hosters für internationale Firmen – die einen Großteil der Gewinne selbst behalten. Wenn sich das jetzt ändert, könnte das ein wichtiger erster Schritt für eine Mining-Wiedergeburt im Land sein.
Gleichzeitig hat die Regierung einen Regulierungs-Hub im internationalen Wirtschaftszentrum der Hauptstadt geschaffen, um Kryptounternehmen einen legalen Einstieg in die Wirtschaft des zentralasiatischen Staates zu ermöglichen.
Eine weitere Quelle der Hoffnung ist der Bitcoin-Kurs. Ein Miner sagte MIT Technology Review, dass ein Bitcoin ungefähr 40.000 USD bringen müsste, um lohnenswert zu sein. Bei dem aktuellen Kurs machen Miner Verluste. Der anhaltende Bullenmarkt hat schon viele Unternehmen finanziell ruiniert – aber Firmen wie Enegix halten durch und planen sogar, ihre Kapazität weiter auszubauen: Es seien 50 Megawatt zusätzlich geplant, sagen sie, auch wenn die Fabrik momentan nicht mit voller Leistung laufen darf. Hoffnung gibt Leben.