Sam Bankman-Fried im Gefängnis? Oder wird er freigesprochen?
Seit Dienstag, dem 3. Oktober, sitzt Sam Bankman-Fried (SBF) in der Angeklagtenbank in New York.

Seit Dienstag, dem 3. Oktober, sitzt Sam Bankman-Fried (SBF) in der Angeklagtenbank in New York. Die USA haben das Verfahren gegen den Gründer der insolventen Kryptobörse FTX eröffnet. Die Anklage: Milliardenbetrug. Ihm drohen mehr als 100 Jahre Gefängnis.
Howard Fischer, der Anwalt aus New York, hat einen Großteil seiner fast 30-jährigen Karriere damit verbracht, weiße-Kragen-Kriminelle zu verteidigen und zu verfolgen – unter anderem als Senior-Prozessanwalt bei der US-Börsenaufsicht SEC – und verfolgt den Prozess gegen SBF aufmerksam. In einem Interview mit BTC-ECHO erklärt er, wie begründet die Anschuldigungen gegen SBF wirklich sind und welche Strategien die Verteidigung und die Anklage verfolgen. Muss Bankman-Fried wirklich den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen? Oder liegt sogar eine Freispruchaussicht in Sicht?
"SBF ist überzeugt von seiner Rolle als Opfer"
Die Beweislast gegen den ehemaligen CEO ist erdrückend. Tausende Dokumente, Chats und wichtige Zeugen werden von der Staatsanwaltschaft gegen SBF ins Feld geführt. Von einer „Betrug von epischen Ausmaßen“ wird FTX gesprochen.
Der 31-Jährige habe sich bislang unbeirrbar, fast arrogant gezeigt, so die Aussagen von Zeugen. SBF plädierte auf „nicht schuldig“ zu allen Anklagepunkten. Sieben in der Zahl: Verschwörung zur Begehung von Betrug in mehreren Fällen, Begehen von Betrug und Geldwäsche. "Bankman-Fried glaubt, dass er der klügste Mann im Raum ist. Er ist fest davon überzeugt, dass er selbst Opfer ist", sagt Fischer.
Team USA vs. Team SBF
Die Entscheidung wird erst in vier bis sechs Wochen erwartet. Beide Parteien haben ihre Eröffnungsreden gehalten. Sie erzählen zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Einerseits die Geschichte der Anklagebehörde: der Bankman-Fried-Betrüger, der wissentlich "Gegen die Welt log". Und andererseits die Story der Verteidigung, die das Bild eines jungen Unternehmers zeichnet, dessen schneller Erfolg und Mangel an Erfahrung dazu geführt hätten, dass er die Kontrolle über sein Krypto-Imperium verlor. Ein tragischer Fehler, aber kein vorsätzlicher Betrug.
Der Rechtsstreit wird zwischen der Elite der New Yorker Justizszene ausgetragen. "Team USA" besteht aus einigen der besten Anwälte des Landes. Geleitet von Damian Williams. Er hat sich bereits in Fällen rund um das Jeffrey-Epstein-Missbrauchsskandal mitverantwortlich gezeigt und auch Anklagen gegen Terra-Gründer Do Kwon eingereicht.
Sam Bankman-Fried kontert mit nicht minder berühmtem Personal. "SBF hat eine ausgezeichnete Anwaltskanzlei. Cohen & Gresser hat einen hervorragenden Ruf in der Community", so Fischer.
Die Glaubwürdigkeit der Zeugen
Für Fischer ist die Verteidigungsstrategie eindeutig: Die Anwälte von SBF werden die Glaubwürdigkeit der Zeugen angreifen – besonders Caroline Ellison. Sie war CEO von Alameda Research, dem Krypto-Hedgefonds des FTX-Imperiums, hatte gelegentlich eine Beziehung mit Sam Bankman-Fried und ist jetzt eine der wichtigsten Zeuginnen der Anklage.
"Mit Caroline Ellison stelle ich mir vor, dass die Verteidigung sie als rachsüchtige Frau darstellen wird, die ihren Ex-Freund ins Gefängnis bringen will", sagt Fischer. Er fügt hinzu: "Sie könnten das Plea-Deal angreifen. Ellison beschuldigen, dass sie den Mund der Ankläger benutzt, um sich selbst zu retten." Ein valider Punkt?
Ellison hängt ebenfalls mehr als 100 Jahre Gefängnisstrafe über dem Kopf. Kurz nach ihrer Festnahme verzichtete die 28-Jährige auf ihr Rechtsmittel, gestand ihre Schuld und kooperierte mit Behörden. Im besten Fall hofft sie auf Strafmilderung. Die Entscheidung wird voraussichtlich Mitte Dezember getroffen. Ob und wie die Kooperation die Strafe beeinflusst, hängt von verschiedenen Faktoren ab, so Fischer.
Die sieben Anklagepunkte im Detail
Die Liste der Anklagepunkte ist lang. Die USA beschuldigt Bankman-Fried insgesamt sieben Straftaten. Fischer fasst die Anklagen wie folgt zusammen:
Die Anklage betrifft den Betrug von Investoren. Außerdem geht es um die Nutzung von Kundengeldern zugunsten von Alameda. Zwei weitere Anklagen betreffen das Betrügen von Investoren von Alameda. Dann zwei Anklagen von Verschwörung zur Begehung von Rohstoffbetrug und Wertpapierbetrug. Und schließlich eine Anklage wegen Geldwäsche.
Welche Anklage SBF letztlich schuldig wird gesprochen, ist noch offen. Laut Fischer ist jedoch klar, dass „Ankläger nur Punkte anklagen, die sie beweisen können.“ Und Beweise scheinen im Überfluss vorhanden zu sein.
Nicht nur arbeiten ehemalige Führungskräfte des Krypto-Imperiums mit den Behörden zusammen. SBFs Unternehmen hat sich auch gegen ihn gewandt. FTX klagt inzwischen auch die Eltern seines Gründers an und arbeitet ebenfalls mit den Anklägern zusammen. Ein echtes Glück für die Ankläger, sagt Fischer.
Als Ankläger ist das genau die Position, die du haben willst. Es ist schön, Zugang zu Dokumenten zu haben. Viel besser ist es aber, Leute zu haben, die im Raum saßen mit SBF und bezeugen können, dass er ihnen illegale Dinge befahl zu tun. Das sollte es der Verteidigung schwer machen, die Behauptungen zu widerlegen.
Natürlich ist noch nichts bewiesen und gilt die Unschuldsvermutung, fährt der Anwalt fort. Basierend auf der Art der Beweise, der Kooperation ehemaliger Kollegen und nicht zuletzt der Qualität der Verfolgung glaubt Fischer, dass eine Verurteilung wahrscheinlich ist. Welche Strafe ihn dann erwartet, ist unsicher – von Geldstrafen bis zu Jahrzehnten Gefängnis ist alles möglich.